Glossar

Alle Fachbegriffe von A bis Z — verstaendlich erklaert.

§

§ 185 StGB (Beleidigung)

Strafnorm im deutschen Strafgesetzbuch, die Beleidigung mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr (öffentlich oder durch Verbreiten eines Inhalts: bis zu zwei Jahre) oder Geldstrafe ahndet. Setzt Vorsatz und einen Angriff auf die Ehre einer konkreten Person voraus.

A

Adam-Raine-Fall (ChatGPT-Suizidklage)

US-amerikanischer Fall vom April 2025: Der 16-jährige Adam Raine nahm sich nach monatelangen Gesprächen mit ChatGPT das Leben. Seine Eltern reichten am 26.08.2025 Klage gegen OpenAI ein — der Vorwurf: Der Chatbot habe ihren Sohn aktiv begleitet und beraten.

A

Aktives Mitdenken / kritisches Lesen

Konzept aus Platons Phaidros (ca. 370 v. Chr.): Wer Werkzeuge wie Schrift oder KI nutzt, muss aktiv mitdenken und kritisch lesen — sonst gibt er die Verantwortung für das Verstehen ab. In der Folge als zentrale Anforderung an den KI-Umgang im 21. Jahrhundert beschrieben.

A

Ansprechbarkeit (Eltern-Kind-Kommunikation)

Pädagogisches Konzept aus der Medienerziehung: Eltern bleiben für Kinder erreichbar und nicht-verurteilend, auch wenn Online-Erlebnisse gegen Familienregeln verstoßen oder schamhaft sind. Voraussetzung dafür, dass Kinder bei Sextortion, ungewollter Pornografie oder Cybergrooming Hilfe holen.

A

App-Freigabe vor Installation

Funktion in Family Link und Bildschirmzeit: Bevor ein Kind eine App installieren kann, wird eine Anfrage an das Elternhandy geschickt. Eltern entscheiden bewusst — und kommen mit dem Kind ins Gespräch über das, was es interessiert.

A

Aufmerksamkeitsökonomie

Wirtschaftslogik, in der die endliche Ressource ‚Aufmerksamkeit‘ zum zentralen Wirtschaftsgut wird. Wer sie auf sich zieht, gewinnt Reichweite und damit Macht. In der Folge als struktureller Treiber inszenierter Familien beschrieben.

A

Aufmerksamkeitsökonomie der Skandalisierung

Spezialform der Aufmerksamkeitsökonomie: Drastische, schockierende oder voyeuristische Inhalte erzeugen besonders viel Reichweite und werden deshalb von Plattformen, Produzenten und Vermarktern systematisch bevorzugt.

A

Aufsichtspflicht

Die rechtliche Pflicht von Schule oder Eltern, Minderjährige vor Schaden zu schützen — räumlich und zeitlich definiert.

A

Auszeit (Family Link / Bildschirmzeit)

Konfiguriertes Zeitfenster (z. B. 21:00–7:00 Uhr), in dem das Kindergerät grundsätzlich gesperrt ist. Einzelne Apps lassen sich als Ausnahmen freischalten — etwa eine Hörspiel-App zum Einschlafen.

A

Autobiografische Dokumentation

Hybridform zwischen Dokumentation und Selbstinszenierung: Die porträtierte Person ist maßgeblich an Auswahl und Gestaltung der gezeigten Inhalte beteiligt — was die Authentizität erhöht und zugleich die journalistische Distanz reduziert.

B

Bauchgefühl (in der Medienerziehung)

Begriff der Folge: das intuitive elterliche Wissen, wie auf Kinderkonflikte zu reagieren ist. Bei Offline-Situationen meist verlässlich vorhanden, bei Online-Situationen oft fehlend — weil Eltern selbst keine vergleichbaren digitalen Konflikte erlebt haben.

B

Bedingte Einwilligung (Mediengespräch)

Begriff aus Folge 73 für Aussagen wie ‚Du musst nichts machen, was du nicht möchtest‘ — bei denen im Subtext mitschwingt, dass das Mitmachen erwartet wird. Das Kind hat formal die Wahl, spürt aber den Erwartungsdruck und sagt deshalb selten Nein.

B

Bedingte Zuwendung (Erziehungssprache)

Kommunikationsmuster, in dem elterliche Anerkennung implizit an erwünschtes Verhalten geknüpft wird — z. B. durch Sätze wie ‚das würde mich enttäuschen‘. Wirkt wie ein indirektes Verbot und kann verhindern, dass Kinder bei Regelverstößen oder ungewollten Erlebnissen Hilfe suchen.

B

Begleitendes Auge (vs. kontrollierendes Auge)

Pädagogisches Konzept: Eltern beobachten die Mediennutzung ihres Kindes <em>resonant</em> (sehen Reaktionen, sind ansprechbar, kommen ins Gespräch) — nicht <em>überwachend</em> (lesen jeden Chat mit, prüfen jede App). Die Haltung entscheidet, nicht die Sichtweite.

B

Beteiligungsorientierte Schulregeln

Schulregeln, die unter Mitwirkung der Schülerinnen und Schüler entwickelt werden — etwa via Klassenrat, Schülervertretung oder Schulkonferenz. Im Podcast als Gegenmodell zu top-down beschlossenen Pauschalverboten beschrieben (Beispiel Neuseeland 2024).

B

Beziehungsebene vor Sachebene

Kommunikationsregel aus Folge 73 (zurückgehend auf Paul Watzlawick und die Gewaltfreie Kommunikation): Bevor inhaltlich argumentiert wird, muss die Beziehung geklärt sein — ‚Ich höre dich, ich sehe dich, das ist dir wichtig.‘ Ohne Beziehungsklärung verpufft jedes Sachargument.

B

Bildschirmzeit-Code

Vier- bis sechsstelliger Eltern-Code, der die Konfiguration von Bildschirmzeit / Family Link schützt — und der laut Friederike Eike die <em>größte praktische Schwachstelle</em> der gesamten Konfiguration ist, weil Eltern ihn häufig erraten lassen oder selbst verraten.

B

Blind Boxes

Verkaufsformat, bei dem Käufer:innen nicht wissen, welche Variante eines Produkts in der Verpackung enthalten ist. Beliebt bei Sammelpuppen wie Labubu (Pop Mart). Psychologisch ähnlich wie Lootboxen in Games — variable Belohnung erzeugt Kauf-Sog.

B

Boxring-Analogie (Beleidigung)

Verständnishilfe von Moritz Becker (Folge 60): Im Boxring ist das Brechen einer Nase regelkonform — außerhalb Körperverletzung. Übertragen auf Battle-Rap: Beleidigung kann im definierten Rahmen mit Zustimmung der Beteiligten erlaubt sein, sobald aber einer den Rahmen verlässt, kippt sie zur strafbaren Handlung.

B

Brave Space

Lernort, an dem Kinder mutig sprechen dürfen, ohne Angst, dass ihre Aussagen sofort als Sucht-Bestätigung, Inkompetenz-Beweis oder Erziehungs-Versagen ausgelegt werden. Ergänzung zum klassischen ‚safe space‘.

B

Bühnen-Metapher (Mediennutzung)

Aus Folge 69 stammendes Bild von Moritz Becker zur Beschreibung der Reichweiten-Frage in Social Media: ‚Auf welcher Bühne befinde ich mich gerade?‘ Zielt auf das Bewusstsein dafür, vor wem ein Inhalt überhaupt sichtbar wird — und dass diese Bühne in WhatsApp-Kanälen anonym bleibt.

B

Bundesprüfstelle für Kinder- und Jugendmedienschutz (BzKJ)

Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesjugendministeriums (vormals BPjM). Indiziert Medien — auch Songtexte und Musikvideos —, wenn sie jugendgefährdend sind. Eine Indizierung schränkt die Verbreitung deutlich ein und kann bei gewaltverherrlichenden oder volksverhetzenden Inhalten den Schutz der Kunstfreiheit aufheben.

C

ChatGPT

Generativer KI-Chatbot des US-Unternehmens OpenAI, der auf Sprachmodellen der GPT-Reihe basiert. Bei Jugendlichen 2025 mit 84 % Nutzung das mit Abstand dominierende KI-Werkzeug. Mindestalter 13 (mit Eltern-Einwilligung), ab 18 ohne.

C

ChatScouts

Cybermobbing-Präventionsprojekt für die 3. und 4. Klasse — Träger: Landeskriminalamt Niedersachsen mit dem Regionalen Landesamt für Schule und Bildung. Bekannt für die Hilfekarten in Scheckkartengröße, auf denen Kinder zwei Vertrauenspersonen eintragen.

C

Client-Side Scanning

Technisches Verfahren, bei dem Inhalte direkt auf dem Endgerät der Nutzerin oder des Nutzers geprüft werden, <em>bevor</em> sie verschlüsselt verschickt werden. Es umgeht die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung formal, ohne sie technisch aufzubrechen.

C

Confirmation Bias

Kognitive Verzerrung, mit der Menschen Informationen bevorzugt wahrnehmen und glauben, die ihre bereits bestehenden Überzeugungen bestätigen — und gegenläufige Informationen abwerten oder übersehen. Algorithmen verstärken diesen Effekt strukturell.

C

CSAM (Child Sexual Abuse Material)

Englisches Fachkürzel für Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs. Ersetzt zunehmend den missverständlichen Begriff ‚Kinderpornografie‘, weil er klarmacht, dass es sich um die Dokumentation einer Straftat handelt — nicht um eine Spielart von Pornografie.

D

Default Mode Network (DMN)

Hirnnetzwerk, das aktiv wird, wenn die Aufmerksamkeit nicht auf eine externe Aufgabe gerichtet ist — etwa beim Tagträumen, beim Nachdenken über sich selbst oder beim Erinnern. Hintergrund für das, was Moritz Becker als ‚Leerlauf des Gehirns‘ beschreibt.

D

Defizitärer Blick (Medienpädagogik)

Wahrnehmungs-Tendenz, Kinder und Jugendliche vor allem als gefährdet und unmündig zu sehen. Entsteht oft bei Berufen, die nur Eskalationen erleben (Klinik, Schul-Disziplin) — verdrängt die Kompetenzen und Aushandlungs-Leistungen der Heranwachsenden.

D

DI-DAY (Digital Independence Day)

Initiative, die an jedem ersten Sonntag im Monat dazu anregt, eine Alternative zu einem digitalen Monopol-Dienst auszuprobieren — z. B. Vero statt PayPal, Ecosia statt Google, LibreOffice statt Microsoft Office.

D

Digitale Zivilcourage

Fähigkeit, in digitalen Räumen einzugreifen, wenn andere herabgewürdigt, ausgegrenzt oder bedroht werden. Umfasst eigenes Eingreifen, Hilfe holen, sich mit anderen zusammentun — übertragen aus der Offline-Zivilcourage.

D

Direct Response TV

Werbeform, die nicht auf Markenaufbau, sondern auf die <em>unmittelbare Handlung</em> der Zuschauerinnen und Zuschauer zielt — bekannt aus den TV-Shopping-Sendern QVC und HSE24 der 1990er. Konzeptionelles Vorbild des TikTok Shop.

D

Discord Family Center

Tool, mit dem Eltern ihren Discord-Account mit dem Account ihres Kindes verknüpfen können. Eltern erhalten eine wöchentliche Aktivitäts-Zusammenfassung (Server-Mitgliedschaften, neue Freundschaftsanfragen, Direktnachricht-Kontakte) — Inhalte der Nachrichten bleiben jedoch privat. Im Podcast als Gesprächsanlass empfohlen, nicht als Überwachungstool.

D

Discord Nitro

Kostenpflichtiges Premium-Abonnement von Discord (Stand 2026: Nitro Basic ca. 2,99 €/Monat, Nitro ca. 9,99 €/Monat). Bietet u. a. größere Datei-Uploads, höhere Streaming-Qualität, mehr Custom-Emojis und Boosts für eigene Server. Für die Grundnutzung von Discord nicht erforderlich.

D

Discord-Server

Eigenständiger ‚Raum‘ auf Discord, der von einer Person eröffnet wird und beliebig viele Themenkanäle (Text, Sprache, Video) enthalten kann. Server reichen von kleinen Klassengruppen bis zu öffentlichen Räumen mit zehntausenden Mitgliedern. Moderation liegt bei der Server-Eigentümerin oder von ihr berufenen Moderatoren — nicht zentral bei Discord.

D

Doomscrolling

Englisch von <em>doom</em> (Verhängnis) und <em>scrolling</em>. Bezeichnet das endlose, oft unbewusste Weiterscrollen durch Social-Media-Feeds — meistens negative oder beunruhigende Inhalte, oft über die selbst gewollte Zeit hinaus. Wird durch Algorithmen aktiv gefördert.

D

Doppelzuständigkeit (Bildveröffentlichung)

Rechtsprinzip beim Recht am eigenen Bild für Kinder zwischen ca. 7 und 14 Jahren: Sowohl die Sorgeberechtigten <em>als auch</em> das Kind müssen — soweit es die Tragweite versteht — der Veröffentlichung von Bildern zustimmen.

D

Drogenverherrlichung in Medien

Mediale Darstellung von Drogenkonsum, die — gewollt oder ungewollt — Konsum als Bestandteil von Erfolg, Coolness oder Lebenskunst erscheinen lässt. Im Gegensatz zu rein abschreckender Darstellung (Elend ohne Glanz).

E

Elternprivileg (Mediennutzung)

Aus Art. 6 Abs. 2 GG abgeleitetes Recht der Eltern, im privaten Raum darüber zu entscheiden, welche Medieninhalte ihre Kinder konsumieren — auch jenseits gesetzlicher Altersfreigaben. Greift nicht in öffentlichen Räumen wie Jugendzentren oder bei Veranstaltungen.

E

Empfundene Beziehung (Chatbot)

Pädagogisch-psychologisches Konzept aus Folge 72: Im Gespräch mit einer KI wie ChatGPT entsteht über Zeit eine subjektiv empfundene Beziehung — die Person erhofft sich nicht nur Information, sondern Beratung und Begleitung. Das macht Chatbots in Krisen qualitativ heikler als Suchmaschinen.

E

Ende-zu-Ende-Verschlüsselung

Verschlüsselungsverfahren, bei dem nur Sender und Empfänger den Inhalt einer Nachricht entschlüsseln können — auch der Anbieter des Dienstes hat keinen Zugriff. Standard bei Signal, Threema und WhatsApp.

E

Engagement-Optimierung

Geschäftslogik algorithmusgesteuerter Plattformen: Inhalte werden danach ausgespielt, wie viel Interaktion (Verweildauer, Likes, Kommentare, Shares) sie erzeugen — nicht danach, ob sie wahr, ausgewogen oder würdig sind. Auch Widerspruch und Empörung erhöhen die Reichweite.

E

Erziehungsauftrag der Schule

Rechtliche Verpflichtung der Schule, neben der Wissensvermittlung auch zur Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler beizutragen — verankert in allen 16 deutschen Schulgesetzen, etwa § 2 SchulG NRW oder Art. 1 BayEUG.

F

Fachkommission Jugendschutz in der digitalen Welt

Am 03.09.2025 von Bundesbildungsministerin Karin Prien berufene 18-köpfige Expertenkommission. Co-Vorsitz: Olaf Köller und Nadine Schön. Auftrag: Handlungsempfehlungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet bis 2026.

F

Familienhandy / Küchen-Smartphone

Smartphone, das ausdrücklich der Familie und nicht dem Kind gehört — meist in den gemeinsamen Räumen verwahrt, vom Eltern entscheiden gemeinsam, wann und wozu es genutzt wird. Mittelweg zwischen Verzicht und eigenem Gerät.

F

Family-Influencer

Eltern, die ihr Familienleben in Social Media als Geschäftsmodell vermarkten — mit Reichweiten von zehn- bis sechsstelligen Followerzahlen und regelmäßigen Werbeeinnahmen. Kinder werden in der Regel ungefragt Teil des Geschäftsmodells.

F

Family-Link-Workaround

Umgehung von Zeitlimits in Googles Kinderschutz-App Family Link, indem Kinder eingeschränkte Inhalte (z. B. YouTube-Videos) über andere Apps konsumieren — typischerweise eingebettet in WhatsApp-Kanälen oder geteilt in WhatsApp-Chats. Das Zeitkontingent wird der ‚falschen‘ App gutgeschrieben.

F

Filterblase

Zustand, in dem ein Mensch durch algorithmische Vorauswahl nur noch eine eingeschränkte, einseitige Auswahl an Inhalten zu sehen bekommt — ohne dies selbst zu merken. Begriff geprägt von Eli Pariser (2011).

F

FLIMMO

Medienkompetenz-Initiative mehrerer Landesmedienanstalten — pädagogische Einschätzungen zu Fernsehen, Streaming und YouTube mit individuellen Altersempfehlungen und Ampel-System (grün/gelb/rot).

G

Geführter Zugriff / App-Pinning

Funktion auf iOS (‚Geführter Zugriff‘) und Android (‚App-Pinning‘), die das Gerät auf eine einzige App festsetzt. Das Kind kann diese App nicht verlassen — sinnvoll für jüngere Kinder, die Spotify oder die Kids-App nutzen.